„Wir sind Antifa - Immer“
Festival, Konferenz und Demonstration in Berlin
14.11.2008
Neues Deutschland
von Klaus Heuck
-Europaweit morden Neonazis antifaschistische Widersacher und Migranten – allein in Russland fielen in diesem Jahr 80 Menschen dem rechten Terror zum Opfer. Mit einem internationalen Aktionswochenende wollen Antifaschisten in Berlin an die Ermordeten erinnern.-
Die Kamerabilder ruckeln und sind unscharf. Zu sehen sind russische Naziskins, die einen migrantischen Gemüsehändler in Moskau überfallen und mit unglaublicher Brutalität auf ihn eintreten. Zurück bleibt ein schwer verletzter Mensch, die Täter können wie so oft entkommen. Neben kaukasischen Migranten geraten in Russland aber auch immer wieder antifaschistische Gegner ins Visier der Neonazis und Ultranationalisten. Erst am 10. Oktober wurde der antirassistische SHARP-Skin Fjodor Filatow vor seinem Moskauer Wohnhaus überfallen und von mehreren Männern mit Messern attackiert. Zwei Stunden nach dem Angriff starb der 27-Jährige im Krankenhaus. Ein Mord an einem Subkulturmitglied, über den auch in Deutschland in den Medien berichtet wurde. In der hiesigen Antifa-Szene wird auf solche Verbrechen oftmals mit Solidaritätsbekundungen und Demonstrationen reagiert.
Um an die bekannten, aber auch insbesondere unbekannten Opfer rassistischer Gewalt zu erinnern, läuft von heute bis zum Sonntag in Berlin das Aktionswochenende »Siempre Antifascista!«. »Die Idee für das Wochenende entstand aus diesem krassen Gefühl, die stechen unsere Leute ab«, sagt Matthias Stern von der Gruppe »North East Antifascist (NEA)«, die das umfangreiche Programm gemeinsam mit den Red and Anarchist Skinheads Berlin/Brandenburg (RASH) auf die Beine gestellt haben.
Beispiele von antifaschistischen Opfern gibt es zuhauf: Am 11. Juli 2007 wurde Carlos Javier Palomino in Madrid von einem rechten Skinhead auf dem Weg zu einer Kundgebung erstochen. Im Jahr 2003, am 16. März, wurde Davide »Dax« Cesare in Mailand ermordet. Anfang 2008 im tschechischen Pribram der 18-jährige Jan Kuchera.
Ein Teil des Aktionswochenendes ist ein Kongress, zu dem Teilnehmer aus ganz Europa erwartet werden, die über die Situation in ihren Ländern berichten. Daneben gibt es ein Punk- und Ska-Festival. Bei dem Gedenkkonzert für die Opfer rechter Gewalt tritt heute Abend unter anderem die italienische Formation Los Fastidios auf. Am Sonnabend wollen die Teilnehmer dann auch selbst aktiv werden und ab 14 Uhr unter dem Motto »Kein Kiez den Nazis« durch Pankow demonstrieren. »Wir haben seit Oktober eine Vielzahl von Übergriffen von Neonazis zu verzeichnen«, sagt Matthias Stern. Viele Antifas im Berliner Nordosten würden offen bedroht und eingeschüchtert. Mit der Demonstration will man dagegen ein Zeichen setzen.
Neben dem Erinnern an die Opfer, inhaltlichem Austausch und Spaß an der Musik geht es aber vordergründig vor allem um eines: die internationale Vernetzung – besonders in Hinsicht auf künftige Gipfel und geplante Neonaziaufmärsche, denen man sich gemeinsam entgegenstellen will.
Quelle: Neues Deutschland, 14.11.2008
(http://www.neues-deutschland.de/artikel/138894.wir-sind-antifa-8211-immer.html)