»Wir denken an dich«
15.07.2008
Neues Deuschland
Von Stefan Otto
-Seitdem Neonazis Chris Lorenz als Aktivisten der Antifa ausgemacht haben, ist das Leben für ihn zum Spießrutenlauf geworden. Seine Kontrahenten kennt der 19-Jährige noch aus der Schule-
Die Insassen des roten Ford haben das Haus observiert, in dem Chris Lorenz (der Name wurde von der Redaktion geändert) wohnt. Möglicherweise war es der gleiche Wagen, der am Herrentag zwei Freunde von ihm zu überfahren drohte, mutmaßt der 19-Jährige. Ein ebenso roter Ford scherte auf den Fußweg aus, lenkte aber im letzten Moment wieder auf die Fahrbahn zurück. Es blieb beim Angstmachen. Das aber zeigte Wirkung. Der junge Berliner scheint gefasst, wenn er die Geschichte erzählt, aber er fragt sich natürlich, ob der Wagen zufällig vor seinem Haus stand und er sich den Zusammenhang nur einbildet.
Chris Lorenz hat sein Baseball-Cap tief ins Gesicht gezogen, sein Blick ist ruhig. Es dauert eine Weile, bis die Fassade des toughen, unerschrockenen Antifaschisten bröckelt. Natürlich lässt es ihn nicht kalt, wenn die örtliche Nazi-Szene ihn auf dem Kieker hat, gibt er zu. Die wissen, wo er wohnt und wo seine Schule ist, wann er aus dem Haus geht und wann er wiederkommt. Angefangen haben die Drohungen vor anderthalb Jahren, erzählt er, als im Pankower Schlosspark eine antifaschistische Sprüherei auftauchte. »Die wurde mit mir in Verbindung gebracht. Weshalb, das weiß ich bis heute nicht.« Erst beschmierten Neonazis bei ihm zu Hause Briefkasten und Hauswand. Dann wurde die Drohkulisse heftiger.
Vor ein paar Wochen sind bei ihm die Fensterscheiben eingeschlagen worden. Ein Spaziergang durch die Straßen des Berliner Bezirks Pankow gerät für ihn schnell zum Spießrutenlauf. Im Vorbeigehen wird er beschimpft, manchmal sind auch Morddrohungen dabei. Einmal bekam seine Mutter eine SMS: »verpiss dich mit deinem sohn aus pankow«. Natürlich habe er mit seiner Mutter darüber gesprochen, erzählt der Jugendliche, auch darüber, dass Neonazis öfters versuchten, ihn auf dem Nachhauseweg vom S-Bahnhof abzugreifen. Vor allem am Wochenende. Bislang konnte Chris immer flüchten. »Einmal stieg ich wahllos in einen Bus, nur um aus der Gefahrenzone zu kommen«, erzählt der 19-Jährige.
Pankow gehört zu den Hochburgen der Berliner Neonazis. Innensenator Erhardt Körting sagt, die NPD habe hier einen der mitgliederstärksten Kreisverbände. Er schätzt die rechte Szene auf etwa 150 Aktivisten. Als besonders gewalttätig gelten die Autonomen Nationalisten – lose Kameradschaften, die erkennbare Organisationsstrukturen vermeiden, aber eine Nähe zur NPD suchen. Auf diese unheilvolle Symbiose haben die Berliner Verfassungsschützer in ihrem diesjährigen Bericht besonders hingewiesen.
Auch Chris Lorenz weiß über die braunen Strukturen in seinem Kiez bestens Bescheid. Er kennt die rechten Treffpunkte an öffentlichen Plätzen, etwa vor dem Bahnhof Pankow oder jetzt bei schönem Wetter im Bürger- und im Schlosspark. »Nicht weit davon entfernt, in der Dietzgenstraße, wohnen viele Rechte. Die Straße ist vergleichbar mit dem Weitlingkiez in Lichtenberg«, erklärt Chris. Der 19-Jährige meidet solche Ecken. Er sucht keinen Ärger. Für ihn gehört die Vorsicht, nicht in eine größere Gruppe Neonazis zu laufen, zum Alltag – wie für ein Kind das Warten an der roten Ampel. Alles andere wäre fahrlässig. Zu bestimmten Tageszeiten sind einige Plätze und Straßenzüge für ihn zu No-Go-Areas geworden.
Pankow, der Bezirk im Norden Berlins, ist übersichtlich. Da läuft die Metropole langsam aus. Chris kennt viele der Rechten, die ihn einschüchtern wollen, beim Namen. Schließlich ist er mit ihnen zur Schule gegangen. Die meisten sind zwei, drei Jahre älter als er. In der Grundschule waren sie für ihn die Großen, und während er damals »Die Ärzte« gehört habe, bekamen die einen Rechtsdrall.
Als er vor drei Jahren einen NPD-Aufmarsch in Pankow erlebte, war das für ihn ein Schlüsselerlebnis. »Ich dachte, das darf doch nicht wahr sein. Wo ich wohne, gibt es hordenweise Neonazis!« Er komme aus einer toleranten Familie, erzählt Chris. Für ihn war immer klar, dass Afrikaner keine Nigger sind und Schwächere nicht gemobbt werden. Dann sah er Hunderte Neonazis durch seinen Kiez marschieren und ihre Parolen skandieren. Ihm wurde klar, dass sein Selbstverständnis offenbar kein gesellschaftlicher Konsens ist. Das habe ihn politisiert, zunehmend aber auch zur Zielscheibe der rechten Szene gemacht.
Bislang konnte Chris Lorenz den Neonazis immer entwischen. Oder es blieb bei Beinahe-Übergriffen wie der Attacke mit dem roten Auto auf seine Freunde. Im letzten Moment hielten die Angreifer inne. Fast scheint es, als würde die abschreckende Wirkung des Gesetzes greifen oder als gebe es einen Kodex, weil er die Angreifer kennt.
Darauf will er sich aber nicht verlassen. Das Gewaltpotenzial in der rechten Szene schätzt Chris unverändert hoch ein, und diese Gefahr behält er stets im Hinterkopf. Ein Szenario wie vor acht Jahren, als Neonazis den Arbeitslosen Dieter Eich in Berlin-Buch – auch im Nordosten der Stadt – ermordeten, traut Chris Lorenz der rechten Szene jederzeit zu. Der Sozialhilfeempfänger Eich wurde von Rechten in seiner Wohnung zusammengeschlagen und später durch einen gezielten Stich ins Herz umgebracht, weil die Täter damit eine belastende Aussage bei der Polizei verhindern wollten. Vor Gericht sagten die Rechten aus, dass sie einen »Assi klatschen« wollten.
Gewalt und Einschüchterung
Das war einer der spontanen Gewaltexzesse, für die Neonazis berüchtigt sind. Aber darüber hinaus macht Fei Kaldrack vom Pankower Moskito-Netzwerk gegen Rechtsextremismus eine neue Qualität in Teilen der Nazi-Szene aus. »Das sind die systematischen Einschüchterungen bei Einzelnen, die sich ihnen in den Weg gestellt haben. Damit verbreiten sie in ihrer Umgebung ein Klima der Angst.« In Pankow führe das so weit, dass Geschäftsinhaber keine Plakate von Initiativen gegen Rechts mehr aushängen wollten, weil sie befürchten, dass auch bei ihnen die Scheiben zu Bruch gingen.
Chris Lorenz aber hat Stellung bezogen und ist dafür jetzt der stetigen Gefahr eines Neonaziübergriffs ausgesetzt. Für den Fall, dass er einmal keine Ausweichmöglichkeit hat, will er gewappnet sein. Er hat mit Kickboxen begonnen, um sich verteidigen zu können. Zur Polizei dagegen ist er bislang noch nicht gegangen. Schon die Frage danach findet der 19-Jährige überflüssig, denn an den Schutzmann als Freund und Helfer glaubt er nicht. Dass der Staatsschutz auch ein Auge auf ihn und seinen Freundeskreis wirft, davon ist er indessen überzeugt. Schließlich gehöre er der linken Szene an, die genauso wie Neonazis vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Also geht er auf Distanz zur Polizei, ebenso wie weite Kreise der antifaschistischen Subkultur.
Manchmal sieht Chris Lorenz selbst Bezüge zwischen Linken und Rechten. Beide Lager verbindet schließlich eine ausgeprägte Feindschaft zueinander. Aber er wehrt sich gegen eine Gleichsetzung. Das sei ja ein weit verbreitetes Phänomen, meint er. »Viele schauen gar nicht genau hin und sehen auf beiden Seiten nur die Extremisten.« Für den 19-Jährigen Abiturienten klaffen die Weltanschauungen weit auseinander. Auch wenn sich die Neonazis in den Kameradschaften mittlerweile schwarz wie Autonome kleiden, Street Art und HipHop mögen und sich optisch nur an den Anstecknadeln und Buttons als »Anti-Antifa« zu erkennen geben.
Natürlich sind Linke und Rechte aufeinander fokussiert und reiben einander auf. Beide Seiten kleben etwa in Wildwestmanier Steckbriefe mit Fotos von Aktivisten der Gegenseite. Ein solches Outing – wie Chris Lorenz das nennt –, gibt es hüben wie drüben. Antifaschisten warnen dabei vor der Brutalität der Rechten, während die Nazis Aufkleber mit Namen von vermeintlichen Aktivisten der linken Szene und dem Zusatz »Wir denken an dich« verbreiteten. Die Drohung ist explizit. »Das ist ein grundlegender Unterschied: Der Impuls dieses Konfliktes ist zweifelsfrei auszumachen«, findet Chris.
Einmal seien zwei Bekannte von ihm doch zur Polizei gegangen. »Sie haben den Polizisten auf der Wache einen solchen Aufkleber gezeigt. Ein Beamter meinte dazu nur, er denke auch manchmal an seine Frau«, erzählt der 19-Jährige, und seine Stimme klingt für einen Moment verbittert. Denn sein Name stand auf dem Aufkleber, und ihm galt der Hohn auf der Wache. Das lässt ihn nicht kalt, wenngleich er sonst überaus reflektiert mit den Drohungen umgeht und betont, dass er nur ein exemplarischer Einzelfall sei. Andere könne es genauso treffen.
Tatsächlich zieht der perfide rechte Psychoterror in Pankow immer weitere Kreise und ist bei weitem keine Szenestreitigkeit. In den Fokus der Neonazis ist auch Fabian Weißbarth geraten – kein Autonomer, sondern stellvertretender Jusos-Landesvorsitzender in Berlin. Auch Weißbarth hat sich gegen Rechts engagiert und wurde von Neonazis als politischer Gegner ausgemacht. Ihn erreichte eine E-Mail mit dem Text »solltest du das nächste mal komisch angeguckt werden, renn um dein leben du hurensohn denn die anti-antifa ist dann am start«.
Quelle: Neues Deutschland, 15.07.2008
(http://www.neues-deutschland.de/artikel/132056.wir-denken-an-dich.html)